Medici Baden-Baden: Gammelmuschel im Palazzo Bling-Bling

Gastkommentar unseres Freundes über einen gemeinsamen Abend im Medici.

Ein Blick in die Wasserkarte an der Bar des Medici hätte schon vorher Klarheit schaffen können. Neben Bling H2O, laut Karte Das High-Society-Wasser und nicht geeignet für jedermann, wird auch ein Mondwasser angepriesen und natürlich das Fillico Jewelry Water aus Japan, the “King & Queen of Water”. Auf unsere Frage wie denn 169 Euro für so ein zwittrig königliches Wässerchen zu rechtfertigen seien verweist der Kellner weder auf die berühmte Abfüllquelle (am Fuße des Mount Orinoko in Kobe) noch auf die einzigartige Ausstattung der Flasche (sandgestrahlt, handdekoriert mit Swarovski-Steinen und einem der Krone von Friedrich II. nachempfundenen Verschluss) sondern lässt uns wissen: die Flasche koste 179 – nicht 169 Euro – und sei überdies sehr beliebt, bei Veranstaltungen gar der absolute Renner. Das wirkte nicht nur arrogant, sonder war auch falsch, denn ein zweiter Blick in die Wasserkarte ergab: japanisches Juwelenwasser kostet doch nur 169 Euro. Leider konnten wir dem Mann seinen Fehler nicht mehr nachweisen; er war bereits geflüchtet – unsere Gegenwart schien ihm schwer erträglich. Vermutlich war das der hauseigene Wasser-Mundschenk, den unsere engstirnige Knauserigkeit beleidigte (und das obwohl, Zitat: “Alle Wässer sind von der Kalkulation her sehr moderat gehalten. Dies macht Lust, auch zum Wein das passende Wasser auszusuchen.”). Und damit wäre zu einem Abend im Medici eigentlich schon Alles gesagt. Doch an der Bar waren wir erst nach dem Essen. Also der Reihe nach.

Das Medici in Baden-Baden gibt es schon seit Ende der 90er und in der beim Lästern nicht gerade zimperlichen Hotel- und Gastronomieszene der Stadt genießen Küche und Service einen tadellosen Ruf.

Prominent ist nicht nur die Lage am Augustaplatz mit einer wirklich schönen Terrasse zur Lichtentaler Allee hin. Das Restaurant gehört zum Firmengeflecht des bekannten badischen Tausendsassas Karlheinz Kögel. Und da Herr Kögel auch der Erfinder des deutschen Medienpreises ist, findet die große Sause nach der Preisverleihung regelmäßig im Medici statt. Der von Kögel und Konsorten generalstabsmäßig durchorganisierte Auflauf von Berühmtheiten verleiht dem Medici den Nimbus des Society-Treffs, der recht geschickt vermarktet wird. Und so kommt es wohl auch, dass wir immer meinten was verpasst zu haben, bloß weil wir noch nie im Medici waren. Am Abend vor Fronleichnam soll sich das ändern und wir haben für uns und unsere Freunde aus Karlsruhe wegen des Feiertags gleich telefonisch reserviert; das war unkompliziert und bei der Wahl des richtigen Sitzplatzes wurde ich nett beraten.

Statt der angemeldeten fünf Personen kommen wir dann nur zu viert. Nach kurzem prüfenden Blick der Empfangsdame werden wir vor die Wahl gestellt den Aperitif im Stehen an der Cocktailbar oder gleich an unserem Tisch einzunehmen. Wir entscheiden uns gegen die Bar und werden charmant zügig durch Halle und Bar ins Restaurant gelotst. Dort werden uns mehrere Tische zur Wahl angeboten. Das ist aber auch nicht so schwer, denn das Restaurant ist ziemlich leer und bleibt es den Rest des Abends auch. So können wir ungestört die Inneneinrichtung des Pariser Stararchitekten Jaques Garcia bewundern. Der hat auch das Innenleben des legendären Hotel Costes gestaltet, das seit den frühen 90ern nicht nur architektonisch stilbildend wirkt, wie eine stattliche Serie gleichnamiger Tonträger mit Club-Rythmen belegt. Von Garcias oft zitierter Gestaltungsmaxime “alles im Überfluss“ hat Auftraggeber Kögler offenbar eine Extraportion bestellt. Wer das Resultat kurz und bündig als Versace-Stil beschreiben möchte, der tut dem Meister unrecht. Irgendwie ist es Garcia gelungen so ziemlich alle populären Stilrichtungen und Gliederungsprinzipien der Neuzeit zur Schau zu stellen und dennoch wirkt diese Sammlung von Zitaten frisch, stimmig und sogar passend zur äußeren Architektur des Gebäudes, das früher mal ein Hotel war. So erklärt sich vielleicht auch, warum die vielen verschiedenen Räume des Medicis die Illusion erzeugen, man wäre in einem luxuriösen Welthotel. Unerschrockene Opulenz eben, geeignet die Augen Moskauer Oligarchengattinnen und  arabischer Pferdesportfans genauso so erfreuen wie die Herzen der Badener Neu- und Altbürger. Ja, dafür bedarf es schon eines internationalen Stararchitekten. Zu dumm nur, dass das hier kein Architektur-Blog ist …

In Baden-Baden leider nicht immer selbstverständlich, präsentieren sich die Gasträume sauber, aufgeräumt und in gutem Erhaltungszustand. Keine Spur übrigens von Tineola bisselliella, der gemeinen Kleidermotte, die sich üblen Gerüchten zufolge in den schweren Vorhängen des Medici eingenistet haben soll.

Die von innen beleuchtete Speisekarte ist mit zwei Seiten übersichtlich aber durchaus interessant. Es gibt drei Menus zu Preisen zwischen 49 und 73 Euro angeboten. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Die Ersparnis gegenüber einem selbst zusammengestellten Menü hält sich in Grenzen und dafür bekommt man dann deutlich kleinere Portionen, beim Salat Medici beispielsweise gerade mal die Hälfte des Normalgerichtes. Für die großen Portionen gilt: Vorspeisen und Zwischengerichte liegen zwischen 14 und 25, Hauptgerichte zwischen 26 und 34 und Nachspeisen einheitlich bei 13 Euro.

Die Weinkarte ist sehr umfangreich und ordentlich. Kostspielige internationale Raritäten findet man genauso wie zahlreiche Weine aus der Region zu vernünftigen Preisen. Empfehlenswert sind die Weine des Guts Nägelsförst aus Baden-Baden. Diese sind lecker und werden im Medici zu fairen Preisen angeboten.

Wir bestellen zwei Mal den Spargelsalat und einmal den Salat Medici mit Jakobsmuschel als Vorspeisen, danach drei Mal das Secreto Ibérico (ich glaube die Spanier sagen Ibérico Secreto), also das versteckte Filet vom halbwilden, schwarzen Iberico-Schwein. Das bekommt man wirklich nicht überall. Unser Freund gönnt sich aber trotzdem das 3-gängige Sommermenü, bestehend aus Salat Medici, einem Wagyu Beef Flank Steak und  Mangomousse als Nachtisch.

Vorneweg gibt’s Brot, Aufstrich, Salz & Pfeffer und toskanisches Olivenöl – alles sehr ordentlich. Recht schnell kommen die Vorspeisen. Noch bevor die Teller am Tisch sind, riechen wir die Jakobsmuschel. Unglaublich wie penetrant fischig das Ding müffelt und noch unglaublicher, dass weder Küche noch Service etwas bemerkt haben wollen. Obwohl wir alle die Nase rümpfen und verhalten meckern, bekomme ich den Salat mit der stinkenden Muschel vorgesetzt. Noch bevor jemand protestieren kann, flieht der Service. Die Muschel riecht nicht nur alt, sie sieht auch so aus, soll heißen: sie ist total schlabberig – fast schon schleimig. Zwar löst die Reklamation kaum überspielte Verwunderung aus, doch wenig später kommt eine neue Muschel aus der Küche und die wird mir – Achtung! – zu der gammeligen mit auf den Teller gelegt. “Hoffentlich ist es jetzt recht,“ hören wir noch und schon möchte man sich wieder aus dem Staub machen. Aber diesmal gelingt es mir doch, schnell genug die Sprache wieder zu finden und so kann ich die Dame zurückrufen und sie bitten, doch wenigstens die verdorbene Muschel vom Teller zu nehmen. Auf eine Entschuldigung oder ein versöhnliche Geste in dieser Angelegenheit warteten wir vergebens. Offenbar ist man der Meinung, die Muschel sei völlig in Ordnung oder der Gast habe selber Schuld, wenn er im Juni unbedingt eine Muschel essen will. Das Ganze ist umso verwunderlicher, da das Küchenteam des Medici gerade bei Fischgerichten als besonders kompetent gilt.

Die Spargelsalate bestanden aus einem (wiederhole: einem!) Spargel, der anmutig auf dem Teller drapiert war!

Der Gruß aus der Küche wird als Zwischengang serviert. Es ist ein Hummer-Tortellini und der schmeckt richtig gut. Ein Teller davon – das wäre was …

Die Hauptgerichte sind laut Karte und der nicht enden wollenden Beteuerungen des Services auf dem Holzkohlegrill zubereitet, wirken aber als seien sie durch die Pfanne gezogen. Beides war hart und an der extrem gleichmäßigen Optik innen unterstellen wir, dass das Fleisch im Konvektomat zubereitet wurde. Wenn sie wirklich vom Grill sind, haben sie vermutlich auf Grillschale oder Alufolie kurz im eigenen Saft geschmort. Sowohl das Ibérico als auch das Wagyu sind – wie die Karte ausweist – von Otto Gourmet, die als Leitgedanke “Nur das Beste” haben und es gehört schon einiges dazu, ein Fleisch solch hoher Qualität so mies zuzubereiten.

Nach dem Essen gibt es Käse. Als unser Freund die Käseplatte sieht, möchte er auch lieber Käse anstatt seines Mangomousse. Das klappt auch. Auf der Rechnung sind die sechs Stückchen Käse, die er hatte dann nicht berechnet (drei Euro pro Stück);  stattdessen der volle Preis für das Sommermenü. Das ist anständig.

Auf einen Digestif, einen Kaffee oder eine hausgemachte Praline zum Versüßen der Rechnung wartet man im Medici aber vergebens, auch wenn man mit einer Gammelmuschel konfrontiert wurde.

Zum Service allgemein hier nun aber kein weiteres Genörgel, sondern wahrhaft konstruktive Kritik in Form einer Anregung. Die Schwierigkeiten in Baden-Baden für wenig Geld routinierte Servicekräfte zu finden, sind ja hinlänglich bekannt. Einige Restaurants helfen sich hier mit einem kleinen aber wirkungsvollen Trick, der vielleicht für das Medici interessant sein könnte. Den Mitarbeitern wird zum Namensschild ein weiteres Messingschildchen mit der Aufschrift Azubi angeheftet. Das stimmt das Publikum milde und niemand grämt sich, wenn der Abend nicht unfallfrei verläuft.

Der Versuch den Abend noch gemütlich an der Bar ausklingen zu lassen, misslingt leider auch. Neben der Geschichte mit dem Bling-Bling-Wasser gibt es noch einen weiteren Fauxpas. Der Mai Tai wird im Medici in einem Tiki-Becher serviert. Auf die Frage, ob das wirklich ein Mai Tai sei, weiß der Kellner auch keine Antwort und wendet sich Hilfe suchend an den Barkeeper. Aber ach, das ist ja der Mann mit dem Wasser, der hat uns doch eh schon auf dem Kieker! Der Barkeeper wird jetzt richtig böse und schreit: „Tiki-Becher!“

Mittlerweile haben Recherchen ergeben: Der Mai Tai im Tiki-Becher hat Tradition. Peinlich. Der Mann hatte völlig Recht uns so zu verachten. Gäste, die keine Ahnung haben, sollten den Mund halten und keine blöden Fragen stellen.

Insgesamt war das  Medici eine herbe Enttäuschung, zu der sicherlich auch eine zu hohe Erwartungshaltung beigetragen haben. Die Einrichtung sollte man gesehen haben – Essen  muss man dort aber nicht unbedingt. Am besten einmal die Cocktailbar besuchen oder im Sommer auf der Terrasse bei einem Wässerchen ausruhen. Dänisches Grundwasser mit ein wenig Bling-Bling gibt es schon ab sechs Euro für den halben Liter (und nur noch 49 wenn man gleich die 3-Liter-Flasche nimmt, wenn das mal kein tolles Angebot ist!).

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